Die SPD treibt die Diskussion über strengere Regeln für soziale Netzwerke voran. In einem parteiinternen Papier fordert sie, Social-Media-Plattformen für Kinder unter 14 Jahren grundsätzlich zu sperren. Für Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren sieht der Vorschlag ein verpflichtendes Angebot vor, das als „Jugendversion“ beschrieben wird: weniger Suchtanreize, weniger algorithmische Verstärkung, stärker begrenzte Funktionen. Zusätzlich soll es für alle Nutzerinnen und Nutzer strengere Voreinstellungen geben, etwa indem personalisierte Empfehlungen standardmäßig deaktiviert werden. Der Vorschlag zielt auf eine Regulierung des Produktdesigns und nicht nur auf Medienkompetenz-Appelle.
Im Zentrum steht eine technische Altersverifikation. Nach dem Papier reicht die heute verbreitete Selbstauskunft über das Geburtsdatum nicht aus. Die SPD setzt auf eine verlässliche Altersprüfung, die vor dem Zugang zu Plattformen greifen soll. Als möglicher Baustein wird in diesem Zusammenhang die europäische digitale Identitätsinfrastruktur diskutiert, die perspektivisch eine datensparsame Altersbestätigung ermöglichen soll. Ziel ist ein System, das den Zugang für Minderjährige wirksam begrenzt, ohne mehr Daten zu speichern als nötig.
Der Vorstoß reagiert auf eine Entwicklung, die seit Jahren in Schulen, Beratungsstellen und Familien thematisiert wird: problematische Inhalte, Mobbing, sexuelle Anmache, extremistischer Content, aber auch die Dynamik von Dopamin-Belohnung und Dauererreichbarkeit. Die SPD beschreibt Social-Media-Plattformen als Produkte, deren Mechanik auf maximale Aufmerksamkeit ausgelegt ist. Das Papier stellt damit die Anbieter stärker in die Verantwortung. Es knüpft an eine internationale Debatte an, in der mehrere Länder Altersgrenzen und Plattformpflichten verschärfen, teils mit Blick auf psychische Gesundheit, teils aus Kinderschutz-Perspektive.
Regulatorisch wäre ein solcher Schritt in Deutschland komplex. Der Jugendschutz ist föderal organisiert, Medienregeln werden häufig über Staatsverträge der Länder gesetzt. Gleichzeitig greift europäisches Recht, etwa über Plattformpflichten und Verbraucherschutz. Ein generelles Verbot unter 14 würde deshalb politische Abstimmung auf mehreren Ebenen erfordern. Die SPD versucht, diesen Konflikt zu entschärfen, indem sie den Fokus auf technische Standards und Designvorgaben legt, die plattformübergreifend wirken können.
Inhaltlich ist der Ansatz klar: Die „Jugendversion“ soll Funktionen einschränken, die erwiesenermaßen Nutzungszeiten verlängern. Dazu gehören endloses Scrollen, Autoplay, stark personalisierte Feeds sowie leicht zugängliche Empfehlungs- und Belohnungsmechanismen. Die SPD verbindet das mit dem Prinzip „Safe by default“: Schutzvoreinstellungen gelten automatisch, zusätzliche Funktionen werden nur nach bewusster Entscheidung freigeschaltet. Für Jugendliche soll das einen kontrollierteren Einstieg in digitale Öffentlichkeit ermöglichen.
Gleichzeitig enthält der Vorschlag keine Straflogik gegenüber Kindern, sondern adressiert Anbieter und Infrastruktur. Die Durchsetzung soll über Plattformpflichten, Prüfprozesse und gegebenenfalls Sanktionen erfolgen. Zudem wird im Papier betont, dass Kinder nicht von digitaler Teilhabe ausgeschlossen werden sollen, sondern in geschützten Räumen Zugang zu Kommunikation und Information behalten. Die Debatte verschiebt sich damit von der Frage individueller Erziehung hin zur Regulierung digitaler Märkte.
Ob der Vorstoß in konkrete Gesetzgebung mündet, ist offen. Politisch setzt er jedoch einen Rahmen: Social-Media-Nutzung von Minderjährigen wird nicht länger nur als Frage der Aufklärung behandelt, sondern als Bereich, in dem Altersgrenzen und technische Zugangshürden als legitime Instrumente gelten. Der SPD-Vorstoß wird die Diskussion über Kinderschutz, Datenschutz und Plattformverantwortung in den kommenden Monaten prägen.




